„Endlich frei!“

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…riefen die Befürworter der freien Fotografie, nachdem zu Jahreswechsel die Zugangsbeschränkungen zum Fotografengewerbe in Österreich überraschend gefallen sind.

„Ja – endlich, und nicht unendlich frei“, gibt Robert Pichler zu bedenken. Der erfahrene Trainer angehender Fotografen kennt den Markt nur zu gut und warnt im Interview mit FOTOobjektiv vor den Gefahren, die den Enthusiasten blühen können.

Endlich frei!“ - Interview mit Robert Pichler - Autor: Andreas Hussak - FOTOobjektiv Heft Nr. 175
Endlich frei!“ – Interview mit Robert Pichler – Autor: Andreas Hussak – FOTOobjektiv Heft Nr. 175

Es war für alle eine Überraschung. Für Befürworter gleichsam wie für die Gegner des freien Fotografengewerbes. Mit einem Entscheid am 20. Dezember 2013 hob der Verfassungsgerichtshof die Zugangsbeschränkungen zum Gewerbe ersatzlos auf, und mit der Verlautbarung nur eine Woche später im Bundesgesetzblatt wurde die Aufhebung noch im alten Jahr rechtskräftig. Es ist der Schlusspunkt in einer seit Jahren geführten Kontroverse zwischen der Innung der Berufsfotografen und den Initiatoren der Plattform freie Fotografie. Erst ein Jahr zuvor wurden die Bestimmungen in einem Kompromiss gelockert, demzufolge während einer Übergangszeit von drei Jahren zwar der Zugang für Pressefotografen und Fotodesigner im B2B-Bereich ermöglicht wurde, die klassischen Meisterfotografen aber nach wie vor ein Exklusivrecht für Privatkunden besaßen. Diese Regelung ist nun hinfällig und ersatzlos gestrichen (siehe Faksimile). Fortan kann jeder, der will, ohne irgendwelche Vorkenntnisse oder einen Befähigungsnachweis einen Gewerbeschein beantragen. Für die bisher geschützten Berufsfotografen bedeutet das eine verstärkte Konkurrenz, für alle anderen eröffnet sich ein bis dato verschlossener Markt. Doch auch für sie birgt die neue Freiheit Gefahren. Welche das sind und welche Probleme von den euphorischen Neo-Fotografen gerne übersehen werden, erklärt der Fotografentrainer und profunde Kenner der Szene, Robert Pichler, im Interview.

FOTOobjektiv: Herr Pichler, welche Entwicklungen sehen Sie angesichts der frisch auf den Markt drängenden, freien Fotografen?

Robert Pichler: Viele von ihnen haben gar nicht vor das als Hauptberuf zu machen, sondern haben nur die Absicht ein wenig Geld nebenher zu machen. Sie haben hauptberuflich einen Brot- und Butterjob und müssen von der Fotografie nicht leben. Sie denken: Alles, was hereinkommt ist nett, ich finanziere mir mein Equipment damit und vielleicht den ein oder anderen Urlaub und haben damit eine ganz andere Kalkulationsbasis als jemand, der davon leben muss. Wobei ich bezweifle, dass viele von ihnen überhaupt kalkulieren. So kommt es, dass Kunden abstruse Preise diktieren wollen, und für eine Hochzeit, die einen Tag dauert und für die sie am liebsten 5.000 Fotos hätten (alle natürlich bearbeitet und am besten in einem Fotobuch drinnen), nicht bereit sind mehr als 500 Euro zu zahlen. Jeder normal kalkulierende Fotograf würde da gar nicht einmal drüber nachdenken, weil sich das einfach nicht ausgeht. Stellt so ein Kunde diesen Wunsch auf Facebook finden sich aber garantiert fünf Posts hinten nach, wie „Ja, das ist cool. Das würde ich machen, denk an mich.“ oder „Ich hab dir eine pn geschickt.“

Was ist das Ergebnis?

Der Kunde sieht sich natürlich mit seinem Preis bestätigt. Da kommt man als Profi oft gar nicht mehr dazu, das zu argumentieren, denn es kommt zuerst die Frage nach den Kosten und erst danach die Frage nach der Leistung, also was man dafür bekommt. Das Preisniveau am Markt sinkt, die Qualität nicht zwangsläufig. Aber selbst wenn, fällt das dem Kunden unter Umständen nicht einmal auf. Dem taugt das ja. Der findet, dass die Fotos für 500 Euro eh super sind. Er hat ja auch keinen Vergleich. Wirtschaftlich ist es für diesen Fotografen allerdings nicht.

Weshalb nicht?

Wenn ich das ganze nebenerwerbsmäßig mache, kann ich natürlich leicht sagen, jetzt gehe ich dorthin, fotografiere die Hochzeit, und ob ich da einmal zwei, drei oder vier Abende dran sitze und die Bilder bearbeite, ist mir egal, denn es macht mir ja eh Spaß. Sobald ich das aber gewerblich mache, weil ich davon leben muss, habe ich die Zeit nicht dazu, dass ich eine Woche lang an den Bildern sitze.

Was brachte in diesem Zusammenhang die Meisterprüfung?

Die Meisterprüfung ist zwar eine reine Handwerksprüfung, wo es darum geht zu zeigen, dass du deine Werkzeuge beherrscht. Ob du jetzt qualitativ im Sinne von gestalterisch schöne Bilder machst, wird da nicht geprüft, sondern es geht darum, dass du zeigst, dass du dem Kunden in reproduzierbarer Folge qualitativ hochwertige Arbeiten abliefern kannst. Zudem musst du unter Zeitdruck, nämlich unter dem gleichen Zeitdruck, den du als Gewerbetreibender auch hast, konstant gut arbeiten. Die meisten der nun neuen, freien Fotografen können das nicht, und diese mangelnde Einschätzung des zeitlichen Aufwandes ist ein Problem.

Haben Sie ein Beispiel dazu?

Ich nehme die Hochzeit als Beispiel weil das immer ein schöner Einstieg für die Amateure ist. Und weil viele glauben, da läge das große Geld. Angenommen du machst zwei Hochzeiten pro Monat, und du verrechnest dafür vernünftige Preise, also keine Dumpingtarife, sondern durchkalkulierte, dann könnte es unter Umständen kostendeckend sein, und dir bleibt am Ende des Jahres vielleicht noch etwas übrig. Nun ist es aber nicht damit getan, zwei Samstage im Monat zu fotografieren. Zusätzlich zur Aufnahmezeit kannst du selbst als effizienter Profi nochmals ein- bis eineinhalb mal soviel Zeit für eine vernünftige Nachbearbeitung rechnen. Damit sind schon zwei ganze Wochenenden weg. Aber wie komme ich denn überhaupt zu den Hochzeiten? Ich muss ja auch Kundenakquise machen, und viel Zeit in meine Vermarktung investieren. Die Freunde hat man recht schnell einmal abfotografiert, dann spricht es sich vielleicht noch ein wenig herum, das ist aber auch bald erledigt. Also stelle ich mich auf eine Hochzeitsmesse und dann wird’s wiederum finanziell kritisch: Wie bekomme ich das Geld herein, das ich für den Messestand ausgebe? Ich muss zudem vielleicht Werbung schalten, auch das muss ich wieder hereinbekommen. Und schon ist die ganze Geschichte nicht mehr kostendeckend. Abgesehen davon, dass die Hochzeiten nicht schön über das ganze Jahr verteilt sind. Da hat man vielleicht seinen regulären Job, und am Wochenende ist man die gesamte schöne Jahreszeit über auf irgendwelchen Hochzeiten, und muss dann an den Abenden noch die Bilder bearbeiten… Da platzt die schöne Blase schnell und der Glamour fällt ab.

Neben dem zeitlichen Aufwand halten Sie auch die Kostenfrage für zuwenig beachtet?

Generell bemerke ich bei den nunmehrigen Einsteigern ein großes Defizit im Bezug auf Kalkulation. Wenn du viel fotografierst, brauchst du relativ oft eine neue Kamera. Eigentlich braucht man ohnehin zwei Kameras, denn mit einem Gehäuse alleine ist es nicht getan. Man braucht einen entsprechenden Objektivpark, man braucht sinnvollerweise einen oder zwei Blitze, und Speicherkarten ohne Ende. Das sind alles Kosten. Man braucht halt mehr als nur eine Kamera um 500 Euro vom Niedermeyer. Das reicht einfach nicht um als Fotograf tätig zu sein.

Natürlich gibt es noch weitere Kosten, du musst Sozialversicherung zahlen, du musst Buchhaltung machen, Kammerumlage zahlen. Das sind Nebenfaktoren, die gerne einmal vergessen werden. Hinzu kommt noch die laufende Verrechnung. In meinen Kursen muss ich immer wieder klarstellen, dass ich als Fotograf nicht für alles endlos Zeit habe, denn ich muss das ja auch verrechnen können, was ich tue. Dann nehmen wir den Stundensatzrechner, rechnen ein paar Beispiele durch und fragen uns: „Welche Kosten haben wir? Wie viele Stunden wollen wir im Jahr arbeiten? Wie viele Stunden können wir im Jahr arbeiten? Und wie viele Stunden davon kann ich denn überhaupt verrechnen?“ Es gibt viele Leute, die sagen: „Naja, ich arbeite 40 Stunden pro Woche mal 50 Euro, da kommt eh viel Geld raus.“ Nur musst du diese 40 Stunden erstmal dem Kunden auch verrechnen können. Und das kannst du nicht. Da merkt man, wo es schon an Kleinigkeiten hapert, und wo viele scheitern werden. Die hören dann damit wieder auf. Nur sind das jene, die vorher dem Kunden einen Preis vorgegaukelt haben, für ein Produkt, das es professionell wiederholbar zu diesem Preis nicht geben kann. Hier sehe ich die Problematik für den Markt, gar nicht so sehr bei der Qualität. Denn wenn einer ganz schlechte Bilder produziert, dann nimmt ihn der Kunde ohnedies nicht. Beim Nebenerwerb hast du unter Umständen auch das Problem, wenn du das Gewerbe anmeldest und längere Zeit nicht tätig bist, dass das Finanzamt kommt und fragt „Sie haben keine Umsätze, was machen sie da eigentlich? – Das ist Liebhaberei.“ Also nur den Gewerbeschein holen, weil die Fotografie frei und so leicht ist, ist der verkehrte Weg. Ein gewisses Maß an Vorkenntnis und Basisinformation ist notwendig, sonst holst du dir eine blutige Nase dabei.

Sie sehen also mangelnde Vorbereitung als zentrales Problem der unbekümmerten Neulinge an?

Ja, nehmen wir nur den rechtlichen Aspekt, und ich rede nicht vom Arbeitsrecht, es sei denn ich habe Angestellte (das auf die meisten Neuen ja sowieso nicht zutrifft), sondern von einfachen Themen, wie „Was darf und was darf ich nicht fotografieren? Was muss ich bei der Veröffentlichung beachten? Welche Rechte habe ich als Fotograf und welche Rechte darf ich an meine Kunden weitergeben? Wie heißt das?“ Das ist eine ganz eine simple Sache: Werknutzungsrecht und Werknutzungsbewilligung. Das ist für den Fotografen ein drastischer Unterschied! Hast du den falschen Wortlaut auf der Rechnung drauf, bist du rechtlich gesehen der Angeschmierte – nur das wissen die gar nicht, weil sie sich mit dem Thema ja nicht beschäftigt haben. Das ist das Problem der neuen Kollegen. Ich sehe es ja auch in den diversen Internetforen. Es werden Fragen gestellt, wie „Wo melde ich das Gewerbe überhaupt an?“ Und das sind Leute, die wollen selbständig sein! Dann kommen auch rechtliche Fragen, die in irgendwelche Foren diskutiert werden, wo ich mich leiber nach einem Rechtsbeistand umsehen würde, wenn wirklich etwas Konkretes vorliegt. Man merkt anhand der Fragen, dass sich kaum noch jemand intensiv mit der Thematik auseinandersetzt, sondern das alles viel mehr nach dem Motto geht: „Schnell, ich mach einmal und dann schauen wir mal was passiert. Grundlagen brauchen wir nicht. Das macht die Kamera, und was die Kamera nicht macht, macht Photoshop.“ Das ist ein weitverbreitetes Phänomen.

Haben Sie auch einen Ratschlag an jene parat, die damit spekulieren in das Profigeschäft einzusteigen?

Natürlich möchte ich nicht nur darauf hinweisen, was falsch läuft, sondern auch verraten, welchen Weg ich für richtig erachte. Als Ausweg sehe ich nur die Spezialisierung auf eine Nische. Meine Bereiche sind die Produktfotografie und die Werbefotografie. Das interessiert mich. Wenn sich jemand eine Nische sucht, dann kann er darin auch erfolgreich sein. Wichtig ist es, einen Bezug zu der Nische zu haben. Zum Beispiel fährt einer gerne Rennrad, kennt die richtigen Leute, kennt die Szene, weiß, was sich da abspielt und weiß worauf es bei den Fotos ankommt. So einer kann sich das technische Wissen, um die Fotos zu machen, aneignen und hat einen Zugang dazu. So kann er sich in dieser Nische etablieren. Nur viele, die jetzt mit dem Gedanken spielen, sich den Gewerbeschein zu holen, antworten, wenn du sie danach fragst, was sie machen wollen, mit „Ja, das weiß ich noch nicht so genau. Vielleicht werde ich ein paar Portraits machen, unter Umständen auch Businessportraits und ein paar Hochzeiten zwischendurch wären auch ganz nett. Vielleicht noch Babybauch, oder so etwas.“ Wenn das der Plan ist, dann bist du mit oder ohne technisches Knowhow zum Scheitern verurteilt.

Wie effektiv ist eine eigene Homepage, um zu zeigen, was man kann und um Aufträge zu lukrieren?

Das allein wird nicht reichen. Selbst mit intensivem Marketing muss man schon wirklich viel dahinter sein, dass über eine Homepage entsprechend Aufträge kommen. Einfach nur eine Webseite zu basteln und zu sagen: „Schaut, was ich für tolle Bilder mache“ ist zu wenig. Das reicht nicht. Da kannst du dann nur noch über den Preis punkten, und der Preis ist im Sinkflug begriffen.

Im Prinzip kann ich jedem nur raten, sich vorher klar zu werden, was man will, ein Konzept und ein Ziel zu haben. Diese Blauäugigkeit: „Ich habe eine Kamera und jetzt werde ich Fotograf, funktioniert nicht.“ Einige wenige würden es vielleicht schaffen, aber im Normalfall – keine Chance.

Ist denn in der Fotografie die Fehleinschätzung größer als in anderen Branchen?

Ja. In Zeiten von Social Media, wo jedes Handy-Knipsbild 45.000 Likes bekommt, glaubt man auch selber relativ schnell einmal, dass die eigenen Arbeiten toll wären. Ohne ein gehöriges Maß an Selbstkritik geht es auch nicht. Diese Selbstkritik muss man sich erarbeiten, und schauen, was die anderen machen. An welchem Level möchte ich mich orientieren? Und da spreche ich nicht von irgendwelchen Amateurfotografen-Communities, wo 20.000 nette Katzenfotos drinnen sind. Mit dem 21.000sten tollen Katzenfoto kann ich kein Geschäft machen. Viele denken sich: „Ich bringe einen Kalender heraus“. Nur rechnet sich das genauso wenig. Wer zahlt denn für einen Kalender mehr als 6,90? Und das sind die Druckkosten. Die kommerzielle Seite wird halt gerne übersehen. Was bedeutet es damit Geld zu verdienen und was bleibt mir im Endeffekt davon übrig?

Was bedeutet die Gewerbeöffnung für die Kunden?

Es gibt zwar ein noch breiteres Angebot, allerdings wird es noch intransparenter hinsichtlich der Frage, was bekomme ich und was kostet es? Es war schon früher schwer vergleichbar und jetzt wird es halt noch schwieriger.

Wie soll ich als Kunde am komplett freien Markt wissen, wer gut ist?

Man muss unbedingt Arbeiten des Fotografen zuvor anschauen. Ich glaube, dass das das Einzige ist, woran man sich orientieren kann. Du kannst nur langfristig überleben, wenn du Qualität lieferst. Wenn ich mir ein Auto kaufen möchte, setzte ich mich auch vorher hinein und kaufe es nicht aus dem Katalog heraus.

Das Interview führte Andreas Hussak.

Robert Pichler

Robert Pichler ist Meisterfotograf und Leiter zahlreicher Fotokurse. Aus der Elektronikbranche kommend fand er über Umwege zur Fotografie: „Ich habe den Schritt in die Fotografie nie bereut, aber es muss einem völlig klar sein was es bedeutet. Ich habe vorher wesentlich mehr verdient, und es war für mich ein harter Einschnitt. Aber ich bin zufrieden mit meinem Leben, weil es das ist, was ich wirklich gerne mache.“

Heute gibt Pichler im Rahmen seines Lightbox-Projects sein Wissen an lernhungrige Fotografen weiter und versucht zu vermitteln, wie schön der Beruf sein kann. „Man sollte sich allerdings klar sein: Will ich es oder will ich es nicht? Ich finde, dass so ein halber Einstieg in die professionelle Fotografie nichts Gescheites bringt.“ http://www.robertpichler.com/

Lightbox

Die Lightbox Academy ist ein Teil des Lightbox-Projects in Wien Währing, das zudem auch Mietstudio und Ausstellungen umfasst. In zahlreichen Workshops vertiefen hier Interessierte ihre fotografischen Fertigkeiten. Speziell zugeschnittene Berufsvorbereitungskurse vermitteln den Teilnehmern neben technischen Grundlagen auch das Wissen um Strategien, wie man sich in der konkurrenzintensiven Branche behaupten kann und ein eigenes Profil entwickelt. Neben diesen wahlweise zweisemestrigen bzw. dreimonatigen (Intensiv-)Kursen besteht auch die Möglichkeit sich zu spezialisieren, etwa im Bereich der Food Photography, Dunkelkammer und Analogfotografie, Fachkamera u.v.m. Auf Anfrage sind individuelle Trainingseinheiten zusammenstellbar. lightbox-project.com

Foto: Andreas Hussak
Originalartikel im aktuellen FOTOobjektiv Heft Nr. 175
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